Mittwoch, 26. November 2008

Chinakohl mit Milch

Langsam wird es Zeit für meinen Beitrag zum aktuellen Garten-Koch-Event im Gärtnerblog. Diesmal darf ich den Event wieder ausrichten, Thema ist ein jahreszeitliches Gemüse, der Chinakohl. Bis Ende des Monats kann man noch Beiträge einreichen.

Chinakohl gibt es seit langem auch in unseren Breiten, aber ich verbinde damit meine zweite Heimat, die ihm hierzulande auch den Namen gegeben hat. Dort heißt er 白菜 (Pinyin: báicài), wörtlich übersetzt wäre das "weißes Gemüse" oder "weißes Lebensmittel". Lebensmittel trifft es irgendwie ganz gut - im Winter gab es fast nichts anderes!

Ich habe 1990-91 in China studiert, damals war das Land noch in einer völlig anderen Situation als heute. Dass es damals schwer war, an Brot zu kommen, habe ich früher schon einmal geschrieben. Für uns ausländische Studenten gab es auch in Nordchina etwas Abwechslung auf dem Teller (außerdem konnte man in den Süden reisen!), aber die chinesischen Kommilitonen und die einfache Bevölkerung hat viel Chinakohl gegessen.

Ich habe noch gut in Erinnerung, dass die Treppenhäuser dieser klassischen sozialistischen Mehrfamilienhäuser mit sechs Etagen von unten bis oben mit Chinakohl angefüllt waren, der dort lagerte und im Laufe des Winters gegessen wurde.

Links ein Foto von mir aus jener Zeit. Es entstand damals in einer Restaurantküche in Tianjin.

Tianjin (天津), die Stadt, in der ich studiert habe, ist vom kulinarischen Gesichtspunkt vor allem bekannt für Baozi. Daneben gibt es Teigkringel namens Mahua, die häufig als Souvenir durch das Land gekarrt wurden, und Chinakohl mit Milch - ein normales Gericht, das in Familien gekocht wird. Dazu muss ich noch etwas zum Thema Milch erzählen:

Damals war Milch rationiert und nur auf Bezugsschein erhältlich, Familien mit kleinen Kindern bekamen welche. Wenn ich Appetit auf Milchprodukte hatte, musste ich mir gesüßten Joghurt kaufen. Das war's. So wurde dann der Appetit auf Milch und Milchprodukte im Laufe der Monate immer heftiger...

Eines Tages besuchte ich eine chinesische Freundin, die gerne kochte. An jenem Tag - wahrscheinlich ähnlich trostloses Wetter wie heute - kochte sie für uns beide dieses Gericht. Erst wurde das Innere des Chinakohls gekocht. Dann holte sie ein Plastiksäckchen Milch aus dem Kühlschrank. Ich bekam schon richtig große Augen und Vorfreude auf frische Milch!

Und dann: Bevor ich aufschreien und einschreiten konnte, war die Packung geöffnet und die Milch verschwand im Chinakohlgericht! Sie wurde mit dem Kohl geköchelt und als typische Spezialität Tianjins serviert... Auch lecker, als höflicher Mensch lobt man natürlich diese Möglichkeit, etwas typisches essen zu dürfen. Aber im Ernst: Ein Glas ganz normale kalte Milch und normaler Chinakohl mit Sojasauce wären mir an jenem Tag deutlich lieber gewesen! ;-)


















Heute habe ich dieses Gericht wieder gekocht. Es schmeckt fein, ganz anders als normale angebratene Gemüsegerichte mit Chinakohl aus dem Wok. Heute, mit genügend frischer Milch im Kühlschrank, schmeckt mir das Gericht richtig gut. :-)

==========REZKONV-Rezept - RezkonvSuite v1.4
Titel:Chinakohl mit Milch (Rezept aus Tianjin)
Kategorien:Gemüse, Chinakohl, China
Menge:2 Portionen

Zutaten

1Chinakohl; die inneren Blätter (das Herz)
200mlGemüsebrühe (oder Fleischbrühe)
1SchussErdnussöl
1-2Essl.Frühlingszwiebeln; in kleine Röllchen geschnitten
2Teel.Reiswein
1PriseSalz
EtwasPfeffer
150mlMilch
2Teel.Speisestärke
1-1 1/2Essl.Wasser
1SchussSesamöl; evtl

Quelle


aus China mitgebracht
Erfasst *RK* 26.11.2008 von
Barbara Furthmüller

Zubereitung

Den Chinakohl halbieren, die jeweils inneren Blätter (ungefähr das innere Drittel), das sog. Herz herausnehmen. Bei Bedarf waschen. In ca. 1 cm breite Streifen schneiden.

Gemüsebrühe in einem Wok zum Sieden bringen. Die Gemüsestreifen hineingeben und einige Minuten köcheln lassen. Das Gemüse herausnehmen und abtropfen lassen. Die Brühe beiseite stellen.

Den Wok wieder auf die Flamme stellen, die Frühlingszwiebelstücke darin kurz anbraten. Mit Reiswein und der Brühe ablöschen. Mit Salz und Pfeffer würzen. Die Flüssigkeit aufkochen lassen, den Kohl hineingeben und kurz köcheln. Milch hinzufügen und etwas köcheln lassen.

Währenddessen die Stärke mit Wasser anrühren und über das Gemüse gießen, umrühren bis die Sauce dicklich wird. Wer mag, kann noch Sesamöl als weitere Würze dazugeben.

Sofort servieren zu weiteren Gerichten und Reis.

=====


Bei mir gab's heute gemischtes Gemüse und Reis dazu.

Für das gemischte Gemüse habe ich einfach verschiedene Gemüse (Karotten, Broccoli, Erbsen, Rosenkohl) und eingeweichte Pilze mit Knoblauch, Ingwer und einer Chilischote in Erdnussöl unter Rühren gebraten und mit etwas Sojasauce abgeschmeckt.

Ein Tipp für alle, die gerne chinesisches Essen mit Chinakohl mögen: Die Jiaozi mit Chinakohl-Füllung schmecken auch super.

Kommentare:

  1. Barbara, Chinakohl mit Milch hält anscheinend jung, Du siehst heute noch genau so aus wie damals. Ich werde ab morgen mit dem Verzehr des Kohls beginnen. Eigentlich habe ich damit schon gestern angefangen, indem ich einen Eintopf gekocht habe mit Chinakohl. War lecker, sah aber so grauenhaft aus, dass er nicht verbloggt werden kann.
    Zufällig haben wir heute über der Weltkarte gebrütet und überlegt, wohin wir 2011 reisen. China ist dabei heraus gekommen. Und dazu dann, als Abrundung, dieser schöne Beitrag, was will frau mehr? Sehr schön geschrieben und Reiselust weckend...

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  2. Ein interessanter Bericht, aber das Gericht ist eher nicht unsers.

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  3. Danke für diesen sehr persönlichen, interessanten Bericht, der auch wieder einmal zeigt, wie gut es uns doch geht! :-) - Und was dein jugendliches Aussehen anbelangt, kann ich Jutta nur rechtgeben...auch ich sollte wohl mehr Milch und Chinakohl zu mir nehmen :-)

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  4. Solche authentischen Berichte sind immer besonders lesenswert, mehr davon :-) Mir persönlich wäre etwas mehr Pepp im Chinakohlgericht aber auch lieber.

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  5. Chinesisch und vegetarisch - und schon auf der Nachkochliste. Mal sehen, wie's danach um meine kulinarisch-chinesischen Vorurteile bestellt ist. :-)

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  6. uau.. toller beitrag! das muss ja richtig hart gewesen sein damals und total anders. ich denke, in solchen zeiten lernt man das kleine zu schätzen. ohne milch hätte ich echt ein problem, da ich milch liebe. ich kann es mir vorstellen, wie dieses gericht schmeckt, da ich oft milch statt sahne in manche gerichte tue. aber ich hätte die milch doch lieber getrunken ;-) das gemüse muss auf jedenfall dabei sein! lg und tolles thema ;-)

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  7. Wohntest Du im 6. Stock des Hauses ? Die farbige Schilderung hat mir sehr gefallen, weil ich da nicht mehr hinkomme und meine Milch eh lieber mit Ovi trinke. Das Kraut hat in China wohl dieselbe Bedeutung wie hier vor 150-200 Jahren die Kartoffeln. Fast etwas Heiliges.

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  8. Da sieht es wohl heute in deiner Küche wohnlicher aus als damals, in dieser Reisküche ;-).
    Bist du denn nach dem Studium noch oft dort gewesen?

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  9. Dein Bericht ist echt superspannend! Aber ich hätte damals vermutlich auch lieber die Milch so getrunken. Ich werde es dieses Mal nicht schaffen, am Event teilzunehmen. Denn ich habe zwar gebacken, dann aber festgestellt, dass meine Chinakohl-Tofu-Quiche schon einige Jahre online ist. Passiert :-(

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  10. Eigentlich sind Gerichte mit viel Milch erst mal einen skeptischen Blick wert, aber das hier klingt wirklich gut und wenn beim Verspeisen dann noch an den studentischen Milchnotstand gedacht wird, schmeckt es sicher nochmal so gut :D

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  11. Jeep, die Küche (Bild) hat was ! :)

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  12. Interessanter Bericht. Das Gericht gefällt mir gut.

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  13. Mich beeindrucken Deine chinesischen Schriftzeichen genauso wie das interessante Chinakohl-Rezept. Werde es auch mal versuchen, das Rezept meine ich, die Zeichen sind von einem Internet-Transaltor 我喜欢您的写作风格

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  14. @ Schnuppschnuess: Du kannst wieder aufhören, Chinakohl mit Milch zu essen - das gab's in meinem Leben 2 mal: Damals und diese Woche. ;-)

    Die Lebenseinstellung hält jung, denke ich. Aber sonst hast Du recht: Lachfalten hatte ich damals auch schon. ;-)

    @ Sivie: Ich mag auch lieber schärfere Gerichte, mein Testesser hier mochte dieses aber ganz gerne.

    @ Eva: Stimmt, uns geht es wirklich extrem gut. Früher aß man hierzulande Sauerkraut, heute kaufen wir exotische Gemüse...

    @ Petra: Mir ist aufgefallen, dass auf dem Blog wirklich wenig chinesisches ist, dabei koche ich das oft - ist nur so normal für mich und daher nicht so bloggenswert... ;-)

    Ich mag auch mehr Pepp, mein Testesser mochte dieses sanfte Milch-Kohl-Gericht gerne.

    @ Hedonistin: Da gibt's noch viel mehr, auch mit "mehr Pepp". Wenn Dir das lieber ist, dann besser das Gemüsegericht. ;-)

    @ Nysa: Das war schon sehr interessant damals. :-)

    @ lamiacucina: In unserem Wohnheim war kein Chinakohl zu sehen, aber ich bin immer gerne herumgeschlendert und habe in fremde Häuser geschaut... ;-)

    Ovi gab's dort übrigens, in Freundschaftsläden für harte Währungen.

    @ sammelhamster: Unsere Küche ist zumindest größer! ;-)
    Ja, ab und zu bin ich gerne dort. China ist ein total interessantes Land, und ich komme halt gut alleine durch.

    @ Rike: Freut mich, dass der Bericht so gut ankam.
    Deine Quiche klingt natürlich lecker - die merke ich mir auch ohne Event-Teilnahme. :-)

    @ kulinaria katastrophalia: ;-)

    @ Jürgen: Gell?! :-)

    @ mipi: Freut mich! :-)

    @ Houdini: Lesen geht besser als Schreiben. Die Translator werden auch immer besser... ;-)

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  15. Mjamm, hätte ich das früher gelesen, hätte ich den China-Kohl doch mitgenommen und zu meinem Gemüse gemacht! :) Wird auf jeden Fall gemerkt.

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  16. So so, die liebe Barbara ist eine deutsche Pionierin in Sinologie.....beeindruckend.
    Höre zum ersten Mal, daß in China eine Speise mit Milch gibt, wo doch die meisten Chinesen Milchprodukte eklig finden. Was mich so an Deinen Eintrag faszinierte waren die Schriftzeichen. Wie kannst Du Sie auf Deinem Blog übertragen? Benutzt Du pinyin? Könntest Du mir bitte sagen wie es geht? Ich bräuchte es für meinen blog. Meine e-mailadresse: backyana@online.de

    Danke!!

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  17. @ Food is just a 4-letter word: Chinakohl schmeckt auf jeden Fall so gut, dass man ihn mitnehmen kann. Warte noch 2 Tage, dann ist die Zusammenfassung im Gärtner-Blog online und Du wirst einige schöne Rezepte der verschiedenen Teilnehmer sehen.

    @ backyana: E-Mail ist unterwegs. Ich finde es auch toll, dass Blogger chinesisch kann. :-)
    Danke für die Blumen, als Pionierin hätte ich aber glaube ich 100 Jahre früher leben müssen... ;-)
    In Nordchina ist Milch gar nicht so selten, aber ich hatte mich damals auch gewundert. Das Rezept ist ähnlich auch in einem Kochbuch, das ich in China gekauft hatte, da steht auch, dass es typisch für 天津 sei.

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  18. Tolles Bild, tolle Geschichte, interessantes Rezept ;) (ich mag auch keine Milch).

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  19. Wow! In der Asia-Küche erweise ich mich als völlig unwissend. Mal wieder dazugelernt....weitgereiste Barbara

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  20. @ Rosa: So etwas ähnliches hast Du wahrscheinlich auch erlebt?!

    @ Josie: Die italienische Küche ist natürlich auch super - da braucht's fast nichts anderes. :-)

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  21. Hallo Barbara!
    Habe vor kurzem deinen Blog gefunden, über die Suche nach Kommentaren zum Buch "Rezepte der chinesischen Familienküche", mit dem ich aufgrund der eigenwilligen Übersetzung beim Nachkochenwollen so meine Schwierigkeiten habe und es daher auch nicht riskiert habe.
    Deine Geschichten und Erfahrungen aus China gefallen mir ausnehmend und ich habe heute den Chinakohl mit Milch und deinen Mapo-Tofu probiert. Früher schon Tofu mit Tomaten und Frühlingszwiebeln. Der Chinakohl, obwohl ich ihn etwas versalzen habe, ist ein Traum! Dein Mapo-Tofu ebenfalls köstlich. Und der Tofu mit den Tomaten erst... abgesehen von den herrlichen Farben! Die Würze ist perfekt.
    Ich suche nämlich den Geschmack Chinas, wie ich ihn bei meiner Reise in diesem hochinteressanten Land sehr genossen habe und in diesen Rezepten finde ich ihn ein wenig wieder!
    Liebe Grüße
    Andrea

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  22. @ Andrea: Danke für Deinen Kommentar, das freut mich!

    Schön, dass Dir die Rezepte gefallen. Mir geht es ähnlich - was hierzulande in den meisten Chinarestaurants serviert wird oder in Kochbüchern steht, ist etwas ganz anderes als das, was ich in China gegessen habe. 100%ig hauen meine Rezepte auch nicht hin (da fehlt wahrscheinlich die chinesische Luft ;-)), aber es geht in die Richtung.

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